COMICS IN DEUTSCHLAND

Eine kleine Rezeptionsgeschichte

Die Anfänge der Massenvermarktung von Comics in Deutschland waren gekennzeichnet durch Naivität:
Bereits Mitte der fünfziger Jahre begann die Micky Maus ihren Siegeszug an den Kiosken mit ihren betont harmlos-seichten Geschichten, von denen sich nur die Donald Duck-Abenteuer aus der Feder von Carl Barks, übersetzt von Dr. Erika Fuchs, wohltuend durch ihre pointierten Gags und originellen Ideen von der Konkurrenz abhoben. Nicht ohne Grund wurden genau diese Geschichten ab Mitte der sechziger Jahre in einer eigenen Sonderheft-Reihe, den "Tollsten Geschichten von Donald Duck" äußerst erfolgreich im Ehapa-Verlag veröffentlicht.
Der Lehning-Verlag bediente mit Sigurd, Falk und Tibor die Sehnsucht der Kinder und Jugendlichen nach einfachen, geradlinigen und spannenden Geschichten, bei denen man schon bei erstem Hinsehen erkennt, wer gut und wer böse ist und in denen man sich in den verschiedenen Serien nicht groß umgewöhnen mußte, weil der Zeichner Hansrudi Wäscher die Figuren serienübergreifend immer gleich aussehen ließ.
Eine herausragende Ausnahme im Lehning-Programm stellte seinerzeit die Winnetou-Adaption aus der Feder von Helmut Nickel dar, dem es in brillianter Manier gelang, die Erzählungen von Karl May ins Comic-Format zu übersetzen.
Das deutsche Pendant zur US-Maus war Rolf Kaukas Fix und Foxi-Reihe. Die Hefte und Alben der Kauka-Produktion fesselten die Leser allerdings weniger durch heimische Eigenproduktionen als durch französisch-belgische Serien-Importe (Spirou oder Pit und Pikkolo, die Schlümpfe, Lucky Luke, Asterix, Johann und Pfiffikus...), die insbesondere in den sechziger Jahren sehr erfolgreich waren und eine gelungene Mischung aus Humor und Abenteuer boten.
Neben diesen Kiosk-Publikationen existierte aber darüber hinaus noch ein weiterer Kanal, durch den dem deutschen Leser das hierzulande noch neue Medium Comic nahegebracht wurde: die Zeitungen und Zeitschriften.
Neben der amerikanischen Prinz Eisenherz-Saga, die in Zeitungen erschien und in der Comic-Historie weltweit eine Klasse für sich darstellt, zeichneten sich insbesondere zwei deutsche Comic-Serien durch ihre Qualität besonders aus, die allerdings nach langer Laufzeit aufgrund des sich wandelnden Zeitgeistes aus dem Programm genommen wurden:
Im "Stern" erchienen in den fünfziger Jahren die Abenteuer von Julio und dem Gummipferd von Michael Kohlhaas, stilistisch originell gezeichnet und ideenreich erzählt - was fehlte war die Figur, mit der sich insbesondere ein junger Leser identifizieren konnte.
Zu Recht erfolgreicher war der in der Fernsehzeitschrift seit Anfang der fünfziger Jahre erschienene Redaktionsigel Mecki: Sowohl Reinhold Escher als auch Wilhelm Petersen waren einzigartige Zeichnerpersönlichkeiten, die die komischen Helden Charly Pinguin, den Schrat und den Igel Mecki in immer neue aufregend-turbulente Abenteuer schickten und aufgrund ihres Ideenreichtums, ihres Humors und ihrer zeichnerischen Meisterschaft den Import-Produktionen durchaus paroli bieten konnten. Oft war die Mecki-Seite die erste Seite, die aufgeschlagen wurde, wenn man sich die wöchentliche HörZu gekauft hatte. 2009 erlebt der Stachelkopf ein Revival: einerseits durch die herausragenden HörZu-Seiten von Johann Kiefersauer, andererseits durch die Neuausgabe der Seiten durch den Esslinger Verlag.
Die vierte naive Comic-Richtung der Anfangsjahre war im wöchentlichen Felix-Heft vertreten und läßt sich leicht am Schöpfer Willy Vandersteen identifizieren: Anfang der sechziger Jahre erschienen dort die belgischen Serien Bessy sowie Ulla und Peter (Suske und Wiske). Die von Vandersteen geschaffenen Abenteuer um den Trapperjungen Andy und seinen Collie waren besonders durch die von ihm personifizierte Variante der Ligne Claire leicht zu erkennen und boten den Kindern Cowboy-Abenteuer zum Mitfiebern. Ebenso perfekt gezeichnet war seine zweite Erfolgsserie Ulla und Peter, die sich insbesondere durch den auf die Spitze getriebenen absurden Humor auszeichnet, der von den unvergleichlichen Hauptfiguren Tante Sidonie, Pankwitz (Lambik) und Wastl (Jerom) in immer neuen Variationen zelebriert wird. Die in Felix veröffentlichten frühen Geschichten dieser in Holland und Belgien immer noch sehr erfolgreichen Serie sind noch immer die einzigen mehrfarbigen und durchgängig kolorierten Ausgaben und wirkliche Glanzlichter europäischer Comic-Kunst.

Die fünfte und letzte naive Comic-Strömung erreichte ab Mitte der sechziger Jahre die deutsche Leserschaft: Superman und Batman, zu dieser Zeit noch eher untersetzt gezeichnete, onkelhafte Polizisten in Kostüm und Cape begannen den deutschen "ritterlichen Helden" Konkurrenz zu machen. Die Geschichten waren einfach gestrickt und meist in einem Heft abgehandelt.


Die fünf Quellen deutscher Comic-Rezeption sind demnach die Disney-Produktionen aus dem Ehapa-Verlag, die franko-belgischen Serien aus dem Bastei- und Kauka-Verlag, die Zeitungs-/Zeitschriften-Publikationen aus deutscher Feder, die deutschen Helden-Serien des Lehning-Verlages sowie die Superhelden-Comics aus den USA.

Den Wendepunkt in der Geschichte der Comic-Rezeption in Deutschland stellt das in den siebziger Jahren erschienene Buch "Comics - Anatomie eines Massenmediums" von Reitberger/Fuchs dar, das nicht nur zum ersten Mal das Medium Comic umfassend analysierte, sondern auch viele Strömungen und Serien gerade durch die Vorstellung in diesem Buch dem deutschen Publikum überhaupt bekannt machte. In der Folge erschienen die ersten positiven Artikel über Comics in namhaften Zeitschriften, die ersten sogenannten "Tauschtage" fanden statt - Comics wurden Mode und begannen, sich einem erwachseneren Publikum zuzuwenden. Gleichzeitig stiegen die thematischen und stilistischen Ansprüche. Eine Zeit des Aufbruchs und der Innovation begann:
Während Superman und Batman noch die Bankräuber von nebenan jagten, retteten Marvels Superhelden Spider-Man, X-Men, Halk und die Fantastischen Vier bereits das Universum und fegten mit ihrer lockeren Sprache und ihrer Pop-Art-nahen Grafik die beiden Super-Onkel von DC Comics vom Kiosk, obwohl die Marvel-Comics unter der Flagge "Hit Comics" anfangs nur in schwarz-weiß erschienen.
Die Peanuts verwirrten die deutschen Zeitungsleser durch ihren mit Zitaten gespickten Humor und absurde Wiederholungen, Asterix wurde nicht nur zeichnerisch immer perfekter, sondern erreichte auch auf der Textebene ein Niveau, das den rebellischen Galliern die Türe zu so manchem Französisch-Unterricht der siebziger Jahre öffnete.
Mit Zack erschien ein neuer Kiosk-Comic, der die Creme-de-la-Creme franko-belgischer Comic-Produktionen dieser Jahre in einem Heft vereinte (Andy Morgan, Valerian, Blueberry...).
Herausragend waren die Ende der siebziger Jahre herausgebrachten Comic-Magazine Schwermetall (Metal Hurlant) und U-Comix. Während letztgenanntes das Hippie- und Underground-orientierte Publikum immer wieder an die Grenzen des "guten Geschmacks" (und darüber hinaus) führte, faszinierte Schwermetall die graphisch anspruchsvoll gewordene Leserschaft durch Ausflüge in Comic-Welten, die man sich noch in der naiven Phase nicht hätte vorstellen können. Insbesondere französische Künstler wie Moebius ("Die luftdichte Garage des Jerry Cornelius", "Arzach") führten die Leser zu neuen Ufern.

Aber die qualitative Blütezeit der Comics in Deutschland währte nicht lange. Spätestens Mitte der achziger Jahre setzte ein großes Comic-Sterben ein, in dessen Verlauf viele anspruchsvolle Publikationen auf der Strecke blieben.
Verlage wie der Reiner Feest-Verlag, zeitweise die Nummer drei im deutschen Comic-Geschäft, gaben auf. Zeitschriften-Comics wurden völlig eingestellt, Superhelden verschwanden vom Kiosk oder wurden nur noch als Billigst-Produktionen zum Abgewöhnen (wie im Condor-Verlag) unters Volk gebracht. Klassiker wie Felix, Bessy, Zack oder Schwermetall verschwanden von der Bildfäche und mit der letzten Nummer von Fix und Foxi fand auch die letzte regelmäßig am Kiosk erscheinende deutsche Comic-Publikation ihr Ende.


Auf der Strecke geblieben sind leider auch die deutschen Comic-Produktionen der frühen Jahre, weil es kostengünstiger scheint, ein fertiges Produkt aus dem Ausland zu kaufen, als es selbst herzustellen. Dabei gibt es in Deutschland noch eine große Anzahl von Comic-Künstlern, die mit Unterstützung eines intelligenten Lektorats und eines geschickten Marketings Serien schaffen könnten, die das alte Qualitätssiegel "made in Germany" zu recht tragen könnten.

Und was ist geblieben?

Betrachtet man das heutige Angebot der Verlage, so kann man festhalten, dass die beiden großen Traditionsverlage Ehapa und Carlsen weiterhin mit Erfolg auf altbewährte Qualität setzen: Ehapa verwirklicht zum Beispiel den Traum aller Barks-Fans, indem man mit der Alben-Reihe "Barks Library" das Gesamtwerk des großen Enten-Zeichners in Deutschland herausbringt. Carlsen führt hauptsächlich die erfolgreichen belgischen Serien wie Spirou oder Tim und Struppi fort, hat sich aber auch der derzeitigen Mode geöffnet und publiziert eine große Anzahl japanischer Manga-Comics.

Marvel und DC-Superhelden werden seit einigen Jahren in ausgezeichneter Weise von Panini-Comics veröffentlicht und mittlerweile zeitnah zum Erscheinungstermin in den USA an den deutschen Kiosk und in die Comic-Läden gebracht.
Der Hethke-Verlag hat sich vor allem auf den hochpreisigen Nachdruck der Helden-Comics aus dem Lehning-Verlag (Sigurd, Falk, Tibor...) spezialisiert.
Davon abgesehen gibt es noch einige Kleinverlage, die sich auf Serien spezialisiert haben, die sich beim großen Publikum nicht durchgesetzt haben und nur über den Fachhandel der Comic-Händler zu beziehen sind wie z.B. im Falle Suske und Wiske.

Fazit:

Vergleicht man das derzeitige Angebot mit dem vor einigen Jahrzehnten, so läßt sich sagen, dass der Leser sich heutzutage in einer geradezu paradiesischen Situation befindet:
Alles, was qualitativ Rang und Namen hat, ist verfügbar (wenn die Geldbörse es zuläßt). Importe aus den USA und dem französischsprachigen Raum werden fast gleichzeitig wie im Ursprungsland veröffentlicht, ein organisierter Fachhandel und die Möglichkeiten des Internet (ebay) erlauben es den Sammlern, relativ aufwandlos an Originalpublikationen heranzukommen.


In der Zeit der Allverfügbarkeit liegt es in der Hand des Lesers, sich die Perlen aus dem reichhaltigen Angebot herauszufischen.

     
 
 
       
     
Letztes Update: 9. August 2009